Sehr geehrte Frau Ministerin Wieczorek-Zeul,
Ihre Exzellenz, Frau Migiro,
Sehr geehrter Herr Präsident Wolfowitz,
Sehr geehrter Herr van de Geer,
Sehr geehrter Herr Kommissar Michel,
Exzellenzen,
herzlichen Dank, Frau Ministerin Wieczorek-Zeul, für Ihre freundlichen Worte und für den warmen Empfang.
Meine Damen und Herren,
nach der klaren Darstellung der Eckpfeiler für ein günstiges Investitionsklima in Afrika durch Herrn Wolfowitz möchte ich mich nun auf meine persönlichen Erfahrungen mit Afrika als Geschäftsmann konzentrieren, vorwiegend mit Blick auf das noch junge Projekt "Cotton made in Africa", das mein Unternehmen, die Otto-Gruppe, gemeinsam mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und anderen Akteuren im Rahmen eines umfangreichen Public-Private-Partnership-Projekts betreibt.
Die Bündelung von privatwirtschaftlichem Know-how und privatwirtschaftlichen Investitionen einerseits und technischen Umsetzungskapazitäten und Kofinanzierung andererseits hat in drei umfangreichen Projekten mit über 150 000 Kleinbauern und Kleinbäuerinnen in Afrika südlich der Sahara bereits begeisternde Ergebnisse erzielt. Und ich freue mich, sagen zu können, dass ich von der von unseren Partnern der deutschen Entwicklungszusammenarbeit vor Ort in Afrika organisierten Arbeit sehr beeindruckt bin.
In diesem Vorhaben sind wir auf gutem Wege, ein Textilsiegel für Produkte von "Cotton made in Africa" einzuführen. Hier geht es nicht um beliebige Baumwolle aus Afrika: Die Produktion der Kleinbetriebe in den Ländern südlich der Sahara muss strikten Öko-, Sozial- und Wirtschaftskriterien genügen. Unser erklärtes Ziel ist es, durch die Förderung der nachhaltigen Baumwollproduktion die Existenzen und den Lebensstandard von afrikanischen Bauern und Bäuerinnen und ihren Familien messbar zu verbessern und zugleich einen gut entwickelten Markt speziell für afrikanische Baumwolle zu schaffen. Durch die Kennzeichnung dieser Baumwolle mit einem wiedererkennbaren Siegel wollen wir sie positiv von anderer anonymer Baumwolle abheben, wie sie beispielsweise in den USA mit hohen staatlichen Subventionen erzeugt wird. Zudem wollen wir über den Aufbau einer starken Nachfrage-Allianz mit anderen großen Einzelhandelsunternehmen der derzeitigen durch die US- und EU-Baumwollsubventionen bedingten Diskriminierung entgegenwirken und eine dynamische Kommunikationsschiene zwischen Verbrauchern und afrikanischen Kleinbauern schaffen. Insbesondere ist dies keine Fair-Handels-Initiative, sondern ist auf das derzeit für Fair-Handels- und Öko-Siegel nicht zugängliche Hauptmarktsegment ausgerichtet. Daher arbeiten wir unter "normalen" Marktbedingungen, wobei wir Zusatzkosten vermeiden und uns um eine nachhaltigere Produktion bemühen, ohne dabei die Preise zu steigern. In den drei Ländern, in denen wir aktiv sind, arbeiten wir jeweils eng mit einem einheimischen privaten Baumwollunternehmen zusammen, das die Arbeit in dem betreffenden Land auch mitfinanziert. Bislang sind die vorläufigen Ergebnisse sehr ermutigend: deutliche Verbesserungen der Nettogewinne der Kleinbauern und eine beträchtliche Senkung des Pestizidverbrauchs.
Auf der Grundlage der kumulierten Erfahrungen unserer Fachleute in diesem Vorhaben sowie aus der langjährigen Geschäftstätigkeit in Afrika möchte ich nun einige Beobachtungen ableiten, die Ihnen als führenden Verantwortungsträgern und Verantwortungsträgerinnen in Ihren Ländern und Institutionen vielleicht von Nutzen sind:
Privatisierung
Bei einem Vergleich der Baumwollwirtschaft in den drei Pilotländern, in denen "Cotton made in Africa" aktiv ist, sehen wir ein Land mit einem vollständig liberalisierten und privatisierten Sektor, eines mit einem teilprivatisierten Sektor, der aber nicht liberalisiert worden ist, sowie eines mit einer gemischten Form, wo der Liberalisierungsprozess gerade läuft. Wie zu erwarten unterscheiden sich die privatwirtschaftlichen Rahmenbedingungen stark von Land zu Land – und ebenso die für die projektbeteiligten Bäuerinnen und Bauern erzielten Ergebnisse. In dem liberalisierten und privatisierten Umfeld scheint das System sehr gut und ausgesprochen transparent zu funktionieren, auch wenn es keine starken Gewerkschaften bzw. Bauernverbände gibt. Hingegen funktioniert das privatisierte, aber nicht liberalisierte System sehr schlecht. Auch nach über einem Jahr orientiert man sich nur schwer in dem Gewirr von Ausschüssen, Zuständigkeiten und geschlossenen Gruppen, die regelmäßig tagen. Das Ergebnis ist für die Bauern ganz klar unbefriedigend: Selbst ein Jahr nach der Ernte erhalten sie für die abgelieferte Baumwolle noch keine Bezahlung. Meine erste These wäre heute: Wenn man den Sektor privatisiert, sollte man das richtig und vollständig tun und dabei nicht vergessen, im Zuge der Privatisierung auch die Märkte zu liberalisieren. Eine Marktwirtschaft kann Wunder wirken, aber nicht, wenn man lediglich regionale Monopole privatisiert und sie auf Privatunternehmer überträgt, ohne dabei faire Wettbewerbsbedingungen auf der Grundlage eines klaren Regelwerks – und mit unabhängigem Schiedsrichter – zu schaffen.
An nachhaltigen Werten festhalten: Manchmal werde ich gefragt, wonach wir die Pilotländer und -regionen für die Beteiligung an der "Cotton made in Africa"-Initiative ausgesucht haben. Die Antwort lautet: Wir haben nicht so sehr Regionen oder Länder ausgesucht, sondern Geschäftspartner. Wir waren nur zur Zusammenarbeit mit den zuverlässigsten verfügbaren Geschäftspartnern bereit, die sich im Bereich des verantwortlichen Führungshandelns bereits länger bewährt hatten und fair und verlässlich mit den Kleinbauern und Kleinbäuerinnen umgingen.
Die Baumwolle ist ein gutes Beispiel, an dem sich die Notwendigkeit nachhaltiger Erzeugung festmachen lässt: In weiten Teilen Afrikas sind die Böden bereits so ausgelaugt und die Umwelt wird in einem so atemberaubenden Tempo zerstört, dass die Zukunft jeglicher Landwirtschaft auf diesen Böden sehr in Frage steht – und damit bleibt den Bauern nur noch, in die Städte abzuwandern. Mit Rohstoffen heute leicht verdientes Geld wird in zehn oder fünfzehn Jahren für alle Beteiligten große Folgekosten nach sich ziehen – die Landwirte verlieren ihr fruchtbares Land und vielleicht ihre Existenzgrundlage, die Baumwollfirmen verlieren den Rohstoff, von dem sie abhängen, und die Textilindustrie verliert die Verfügbarkeit eines bezahlbaren Grundstoffs. Ich bin überzeugter Anhänger der Einhaltung nachhaltiger Werte im Geschäftsleben – auch wenn das vielleicht nicht immer die einfachste Art des Geldverdienens ist. Die Staaten sollten alles daran setzen, die Privatunternehmen dazu zu bewegen, ein nachhaltiges Geschäftsmodell zu pflegen, das die Arbeitsbedingungen für alle Beteiligten der Wertschöpfungskette im Blick hat – also die landwirtschaftlichen Arbeitskräfte, die Kleinbauern und Kleinbäuerinnen, die Umwelt – und auch Ihre Enkel, meine Damen und Herren.
Nutzung der Globalisierung
Der Begriff "Globalisierung" ist zurzeit eines der populärsten Schlagworte überhaupt, besonders auf Konferenzen wie dieser. Der Rohstoffboom, den wir derzeit erleben, belegt dies und ist Teil der Globalisierung. Afrika und seine Menschen können von der Globalisierung und auch vom Verkauf landwirtschaftlicher Rohstoffe profitieren, wenn das auf den Weltmärkten erwirtschaftete Geld zu den Kleinbauern durchsickert und wenn die Rohstoffe den Anforderungen des Weltmarkts entsprechen. Eine Reihe von Projekten ermöglichen den afrikanischen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern den Zugang zu den Weltmärkten, indem sie darin unterwiesen werden, wie sie die strengen Qualitäts- und Hygieneanforderungen beispielsweise der Europäischen Union einhalten können und zugleich das ökologische und soziale Gleichgewicht in den Erzeugerländern verbessern können. Die deutsche wirtschaftliche Zusammenarbeit hat einen Schwerpunkt auf diese Aufgabe gelegt und leistet übrigens Großartiges dabei, den Kleinbetrieben Wege zur Beteiligung an den Weltmärkten zu eröffnen.
Die Kehrseite des Rohstoffbooms ist die Notwendigkeit des Transports nach Asien – für unser Baumwollvorhaben ist die Verschiffung aus den afrikanischen Häfen eines der größten Probleme. Die Häfen arbeiten manchmal quälend langsam und machen eine genaue Planung fast unmöglich. Das ist eine höchst beunruhigende Situation, denn die globalen Beschaffungsmärkte sind im Hinblick auf die Pünktlichkeit gnadenlos, und verlängerte oder unzuverlässige Lieferzeiten sind bei Geschäften mit internationalen Einzelhandelsunternehmen absolute K.O.-Kriterien. Hier liegt ganz klar ein großes Potenzial für Verbesserungen seitens der afrikanischen Regierungen, die direkt den Unternehmen ihrer Länder und der Integration ihrer Länder in den Weltmarkt zugute kommen würden.
Rohstoffperspektive
Langfristig muss Afrika alles in seinen Kräften Stehende tun, um mehr Fertigungsschritte am Ende der weltweiten Wertschöpfungskette nach Afrika zu holen. Die afrikanischen Rohstoffe ohne jede Weiterverarbeitung zu verkaufen bedeutet, den Großteil der Wertschöpfungsgewinne anderen Ländern zu überlassen.
Für die Textilwirtschaft kann ich hinzufügen, dass ich zutiefst beeindruckt war von der Einstellung und dem Stolz der ländlichen afrikanischen Bauern und Bäuerinnen auf ihre Erzeugnisse und ihre Arbeit. Sie waren überaus stolz, das Siegel "Cotton made in Africa" auf den aus "ihrer" Baumwolle hergestellten Kleidungsstücken prangen zu sehen. Sie freuten sich, dass ihre Baumwolle auf einem ansonsten anonymen Rohstoffmarkt eine eigene Identität bekommt. Ich hoffe, dass das Entstehen einer afrikanischen Identität, der wachsende Stolz, den man an mehr und mehr Orten quer über den Kontinent beobachten kann, zu einer Renaissance der afrikanischen Moden führen wird, zu einem einzigartigen afrikanischen Stil, der die Wiedererweckung einer afrikanischen Konfektionsbranche und des entsprechenden Markts vorantreiben kann. Der Geist, der den Kontinent prägt, ist ohne jeden Zweifel ein nicht greifbares, aber doch sehr wichtiges Element für die Gestaltung einer erfolgreichen Zukunft in der Baumwollwirtschaft, und ich freue mich sehr, dass das Image von Afrika als großem Erzeuger qualitativ hochwertiger Baumwolle sich langsam zum Besseren wendet, nicht nur in Europa, sondern auch in Afrika selbst – und, meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, für die afrikanischen Baumwollbauern, Textilbeschäftigten und Einzelhändler könnte dies sogar eine großartige Geschäftschance werden!
In ihrem Namen danke ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.