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April

05.04.2007

Interview von Außenminister Frank-Walter Steinmeier mit dem Tagesspiegel (Auszüge)


Herr Minister, Israelis und Palästinenser wollen regelmäßig auf höchster Ebene reden, die USA engagieren sich wieder im Nahen Osten und arabische Staaten machen einen Friedensvorschlag. Gibt das Anlass zu Hoffnung?

Es gibt tatsächlich Anzeichen für eine Bewegung. Sowohl auf der israelischen wie auch der palästinensischen Seite sehen wir eine neue Nachdenklichkeit. Aber man sollte sie nicht mit entscheidenden Schritten hin zu einer Lösung des Konflikts verwechseln. Dazu bedarf es weiterer Anstrengungen, auch seitens der internationalen Gemeinschaft. Seit dem Libanon-Krieg habe ich  deswegen dafür geworben, dass die regionalen Bemühungen eine internationale Unterstützung durch das Nahost-Quartett brauchen. Ich bin froh, dass das Nahost-Quartett bald zum dritten Mal in diesem Jahr tagt.

Im Nahen Osten eine Entwicklung hin zu mehr Stabilität zu initiieren, ist eines der Hauptziele der deutschen EU-Ratspräsidentschaft. Was war der deutsche Anteil an der neuen Dynamik?

Die entscheidende Arbeit begann schon vor unserer Ratspräsidentschaft, um diese vorzubereiten. Uns war klar, dass  nur dann eine Bewegung entstehen kann, wenn die Gremien funktionieren, die so einen Prozess steuern und stützen können. Deshalb haben wir uns schon Ende des vergangenen Jahres dafür eingesetzt, dass alle im Nahost-Quartett vertretenen Partner zu einem neuen Versuch bereit sind. Das war ja zuvor nicht der Fall.

Sie meinen den deutschen Vorschlag an die US-Regierung, das Quartett wieder zu beleben?

Ich meine unsere Anregung gegenüber allen Beteiligten. Wir haben zuerst mit dem UN-Generalsekretär gesprochen, von dem wir allerdings wussten, dass er eine Wiederbelebung des Quartetts für notwendig hält. Dann haben wir mit Moskau und Washington gearbeitet.

Ist es ungerecht, wenn nun die Kanzlerin als Vermittlerin im Rampenlicht steht, obwohl Sie ursprünglich den Quartett-Vorschlag erarbeitet hatten?

Das war immer ein gemeinsames Bemühen der Bundesregierung. Dafür haben nach außen hin sowohl die Kanzlerin als auch ich gearbeitet.

Sind Ihre Bemühungen zur Einbindungen Syriens endgültig gescheitert?

Nein, das Thema bleibt notwendigerweise auf der Tagesordnung.  Das zeigen auch die jüngsten hochrangigen amerikanischen Besuche in Damaskus. Für nachhaltige Stabilität und Frieden brauchen wir alle Nachbarn Israels. Die ersten Schritte der Annäherung sehen wir im Moment allerdings in den israelisch-palästinensischen Beziehungen. Erste Fortschritte verdienen umso mehr Beachtung, als beide Regierungen ja innenpolitisch in keiner einfachen Lage sind.

Wie bewerten Sie die Einladung des israelischen Premierministers Olmert an die arabischen Staatschefs?

Zweifelsohne gibt es eine wachsende Bereitschaft der arabischen Länder, den Ausgleichsprozess zu unterstützen. Das ist ein wichtiger Hebel, der in der Vergangenheit lange nicht zur Verfügung stand. Auch wenn die ersten arabischen Reaktionen auf Premierminister Olmerts Vorstoß noch verhalten waren: Ich hoffe, dass wir in den kommenden Monaten durch intensive Arbeit die Voraussetzungen für derartige israelisch-arabische Begegnungen schaffen können.

Konnte sich London im Konflikt mit dem Iran um die 15 gefangenen britischen Marinesoldaten immer auf die EU verlassen?

Unbedingt. Der Iran hat nach der Gefangennahme der 15 britischen Soldaten zunächst versucht, aus einer Position der vermeintlichen Stärke einen bilateralen Konflikt mit Großbritannien zu inszenieren. Deshalb haben wir ein deutliches Signal gesendet, dass dieses Vorgehen einen Konflikt mit Europa bedeuten würde.

Manche forderten härtere EU-Konsequenzen. Warum waren Sie so zurückhaltend?

Ich kann hier keine Zurückhaltung erkennen - im Gegenteil! Vielmehr hat unsere frühe und entschiedene Reaktion die richtigen Prozesse in Gang gesetzt.

Das Treffen der EU-Außenminister am Wochenende in Bremen markierte exakt die Halbzeit der deutschen Präsidentschaft. Was ist Ihre Zwischenbilanz?

Viel harte Arbeit liegt noch vor uns, aber ich ziehe eine positive Zwischenbilanz mit etlichen ganz konkreten Erfolgen: Nehmen Sie die weit reichenden Beschlüsse des EU-Gipfels zum Klimaschutz. Oder die Berliner Erklärung zum 50. Geburtstag der EU, die das gemeinsame Bekenntnis zur notwendigen Erneuerung der EU bis 2009 erhält. Oder, ganz praktische Vorteile: Grenzüberschreitende Überweisungen in der EU werden einfacher und billiger und die Tarife für Auslands- Handygespräche sollen spürbar sinken.

Hat die Ratspräsidentschaft die Einstellung der Deutschen zu Europa verändert?

In den zwei Jahren der Stagnation nach den Volksabstimmungen in Frankreich und in den Niederlanden ist viel europapolitischer Schwung verloren gegangen.
Wir haben uns bemüht deutlich zu machen, dass unsere Lebensqualität, unser europäisches Gesellschaftsmodell ohne die EU nicht zu sichern wäre. In der globalisierten Weltwirtschaft könnten wir ohne den EU-Binnenmarkt von mehr als 500 Millionen Bürgern gar nicht mithalten. Das mag abstrakt klingen, hat aber ganz konkrete Auswirkungen, etwa wenn wir Arbeitsplätze in Europa erhalten und neue schaffen.
Ich habe den Eindruck, diese Erkenntnis beginnt sich durchzusetzen: Die  Menschen spüren, dass Europa bereit ist, sich den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu stellen.

Wie wollen Sie in der Debatte über die EU-Verfassung die skeptischen Regierungen  gewinnen?

Unsere Ratspräsidentschaft wird am Ende daran gemessen werden, ob wir den Verfassungsprozess vorangebracht haben. Unser Vorschlag muss sicherstellen, dass der europäische Erneuerungsprozess gelingt, und dass er bis 2009 vor den Wahlen zum Europaparlament abgeschlossen sein wird. 18 Mitgliedstaaten haben den Vertrag ratifiziert und erwarten Fortschritte. Das macht die Aufgabe kompliziert, aber nicht unlösbar.

Zeigt die Debatte über die US-Raketenabwehr in Europa nicht, dass die Gemeinsamkeiten kleiner sind, als behauptet wird?

Die beschworene europäische Einigkeit heißt doch nicht, dass alle Partner von Anfang an ein und derselben Meinung sind! Trotzdem schaffen wir es immer wieder, auch in schwierigen Fragen eine gemeinsame Position zu entwickeln. Beim jüngsten EU-Außenminister-Treffen in Bremen sind wir übereingekommen, zunächst die Beratungen der Nato und im Nato-Russland-Rat abzuwarten. Dann werden wir entscheiden, ob es in den europäischen Gremien weiter diskutiert wird.


Das Gespräch führten Tissy Bruns, Lutz Haverkamp und Hans Monath



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Datum: 06.04.2007