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Perspektive Europa

Eine Veranstaltung der Akademie der Künste in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt. Vorträge, Lesungen, Diskussionen und Konzert

Perspektive Europa
Datum: 01.06. - 02.06.2007
Veranstaltungsort: http://www.adk.de/europa/home.html


Eine globalisierte Welt stellt die vorgeblichen Grenzen zwischen Innen und Außen immer stärker in Frage. Dies gilt in besonderem Maße für die Europäische Union: Die europäische Einigung beruht auf der Einsicht, dass Frieden, Stabilität und Wohlstand nur dann zu gewährleisten sind, wenn es gelingt, Ab- und Ausgrenzungen zu überwinden. Die sozialen, kulturellen, aber auch wirtschaftlichen Entwicklungen werden hiervon zunehmend geprägt. Europa ist zugleich, auch in Folge seiner kolonialen Vergangenheit und seiner wirtschaftlichen Prosperität, zu einem Zentrum der weltweiten Migration geworden. Die kulturelle Vielfalt in Europa und die Erweiterung der Identitätsräume für die Bürgerinnen und Bürger belegen dies. Auf der anderen Seite sind nach dem Ende des Kalten Krieges in manchen Teilen Europas kulturelle Identitätskonzepte neu erstarkt, die ein nationales Bezugsfeld in den Vordergrund rücken.

Dieses Spannungsverhältnis ist auch und gerade in Europa nicht zu klären ohne die Anstöße, die wir aus den außereuropäischen Teilen der Welt erhalten. Die Frage nach einer europäischen Kultur für die Entwicklung eines geeinten Europas hängt entscheidend damit zusammen. Dabei verändert sich die Perspektive Europas mit dem Abstand, den man zu Europa einnimmt. So ist die kulturelle und künstlerische Moderne Europas in Indien oder Afrika aufs Engste verbunden mit Fremdherrschaft, mit der Unterdrückung eigener kultureller Formen, mit Ausbeutung. Vor allem aber birgt die von Europa ausgehende Nationalisierung und Neuordnung anderer Kulturen in sich den Keim zahlloser Konflikte bis in die Gegenwart. In Europa selbst ist die Moderne ebenfalls verwoben mit einer Geschichte der menschlichen und kulturellen Katastrophen. Sprechen wir von einem kulturellen Gedächtnis Europas, so ist dieses unvorstellbar ohne die Erinnerungen an Totalitarismus und Völkermord.

Deutschland steht als Ratspräsidentschaft der Europäischen Union auch hier in der besonderen Verantwortung, diesen Diskurs zu beleben und zu führen: Eine „Perspektive Europa“ ist möglich, wenn kulturelles Gedächtnis und Umbrüche der Gegenwart den Blick auf die Zukunft richten.

Die Akademie der Künste möchte in Zusammenarbeit mit dem Außenminister der Bundesrepublik Deutschland durch die Konferenz „Perspektive Europa“ den Versuch unternehmen, dieses Denken so kontrovers und so komplex wie möglich aufzuzeigen und anzustoßen. Die Akademie der Künste dient dabei als Plattform und Denkraum für den Dialog zwischen Kunst und Politik in Deutschland und Europa und darüber hinaus.

Was können wir Europäer lernen vom Blick der anderen Kontinente auf Europa? Für welche Werte soll das Europa des 21. Jahrhunderts stehen? Was sind die Perspektiven, die neben wirtschaftlichen und politischen Fragen die Zukunft Europas ausmachen? Und wie verhalten sich die Europäer zu ihrer Geschichte von Kolonialisierung und Weltherrschaft? Was bedeutet ein „offenes Europa“ und wie können wir Grenzen überwinden, die einer gemeinsamen Zukunft im Wege stehen? Schließlich: wie gehen wir mit der Kulturalisierung von Konflikten um, wie mit Ängsten vor den östlichen Nachbarn oder gegenüber der islamischen Welt?

Die Konferenz soll die Binnenperspektive Europas öffnen durch die Erweiterung des Diskussions- und des Blickfeldes, das zu oft auf eine europäische Nabelschau beschränkt bleibt und doch zunehmend durch Asien, Afrika, die Arabische Welt und die beiden Amerikas geprägt wird. Dabei ist der Fokus eindeutig die Frage nach der Rolle von Kunst und Kultur in diesem vielfach verschichteten Gesamtbild. Kunst und Kultur sind immer vertreten durch individuelle künstlerische und intellektuelle Positionen, die nicht einfach einer kulturellen oder nationalen Identität zuzuordnen sind.

Eröffnungsvortrag von Imre Kertész

Imre Kertész steht wie kein anderer für eine europäische Perspektive, die Totalitarismus und Holocaust nicht als einen Unfall, sondern als Kern der europäischen Moderne mitdenkt. Er beschreibt einen Horizont, von dem aus ein Neudenken einer europäischen Kultur möglich wird.

Plattform Eins: Der Blick von Außen

Kunst und Wissenschaft sind keine Schonzonen. Der europäische Kolonialismus wurde von wichtigen Intellektuellen und Künstlern der europäischen Klassik und Moderne vor- und mitgedacht. Für viele andere hat Wole Soyinka eine Revision der geistigen Traditionen der europäischen Aufklärung eingefordert, eine kritische Selbstreflexion Europas in Bezug auf die Zerstörung der kulturellen Selbstentwicklung des afrikanischen Kontinents. Und gleichzeitig zeigt Soyinka, wie afrikanische Kulturformen weltweit wirksam werden.

Lateinamerika als Projektionsraum von Utopien hat die kulturellen Identitätskonzepte des alten Europa transformiert in junge Formen künstlerischer und intellektueller Produktion. Carlos Fuentes steht für einen Begriff von Kunst, der substantiell immer gesellschaftliche und politische Entwicklung beinhaltet. Wie kann Europa davon lernen?

Assia Djebar ist Wanderin zwischen den Welten. Sind die Erfahrungen aus islamischer Sozialisation und europäischer Aufklärung, aus Kolonialismus und nordafrikanischen Gesellschaftsformen in einer Biographie zu vereinbaren?

Das christliche Europa hat sich im wechselhaften Spannungsfeld zur islamischen Welt formiert. Elias Khoury steht für eine kosmopolitische Tradition des Nahen Ostens, die jenseits ethnischer, religiöser oder kultureller Identitäten ein wegweisendes Modell des Zusammenlebens entwickelt hat. Im Nahen Osten wird das Schicksal Europas mitbestimmt.

Mit China hat sich die Landkarte der globalen Beziehungsfelder neu geordnet. Wird Europa zum Disneyland Ostasiens oder sind es die kreativen Ressourcen der Kunst, die Europa zum attraktiven Partner machen. Wang Hui sieht einen chinesischen Weg, der Kunst und Politik nicht in europäischen Traditionen verortet.

Plattform Zwei: Wer ist ein Europäer?

Ilija Trojanow lebt eine künstlerische und biographische Identität jenseits nationaler oder kulturell festgeschriebener Konventionen. Steht er für die neuen Europäer, für die kulturelle Identität nicht mehr festgeschrieben ist?

György Konrád und Mario Adorf verkörpern eine kosmopolitische Tradition Europas. Sie sind Botschafter eines international orientierten humanistischen Europas. Andrzej Stasiuk wird in seinen Essays zum Forschungsreisenden in der Neukonstruktion eines sich rasant verändernden Kontinents. In der Aufdeckung der Verschichtungen wirtschaftlicher, politischer und kultureller Inhalte verweist er auf die Realitäten jenseits kultureller Perspektiven.

Mit dieser Konferenz öffnet die Akademie der Künste ein neues Forum, das die europäischen Fragen in einen globalen Kontext stellt und damit auch den Diskussionen zu Europa einen neuen Horizont verleiht. Wie keine andere Institution kann die Akademie der Künste auf der Basis ihrer historisch gewachsenen Bedeutung diesem überfälligen Dialog einen Ort geben.

 

Ansprechpartner

Anette Schmitt
schmitt@adk.de
http://www.eu2007.de/de/Meetings_Calendar/Kulturveranstaltungen/June/0601RPKU.html



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Datum: 02.06.2007