
Viele Gegenden bei uns sind noch Natur pur oder erfolgreich renaturiert worden. Von den zehn ökologisch gesündesten deutschen Kreisgebieten liegen allein acht in Niedersachsen. Im Harz balzt wieder der Auerhahn, und in unserer Oste fühlen sich wieder Lachse zu Hause, so sauber ist der naturtrübe Strom, auf den ich durch das Sprossenfenster meines Arbeitszimmers sehe.
Von Deutschland und seinen einzelnen Bundesländern gibt es diese nadelscharfen, farbigen Satellitenbilder. So ein Niedersachsen-Poster habe ich mal beim Buchhändler meines Vertrauens in Hemmoor gekauft. Seither – und wenn man weiß, dass amerikanische Weltraumaufklärer auf einzelne Häuser, sogar auf einzelne Menschen herunterzoomen können – fühle ich mich übrigens manchmal beobachtet: der mittelgroße Mittelblonde, der bei Sonnenuntergang auf dem Ostedeich in Höhe von Flusskilometer 94 steht oder sitzt – das bin ich!
Wie eine Wolga für Anfänger strömt der Fluss vor mir in gemächlichen Schwüngen in Richtung Elbe. Und wenn man ihm lange genug beim Strömen zusieht, dann macht das auch in hektischen Zeiten ziemlich gelassen. Manch einem fällt beim Denken auf dem Deich sogar etwas ein, was für den Lebensunterhalt nützlich sein kann. Journalisten, Buchschreiber und Blattmacher nisten in unserer Gegend weiträumig verteilt in zumeist strohgedeckten Erst- oder Zweitwohnsitzen.
Sie haben sich aus Hamburg und sogar aus Berlin in diese Gegend verzogen, weil sie einen gemeinsamen Grundgeschmack haben: Alle lieben den unverstellten, weiten Horizont, den gewaltigen Himmel mit den sommerlichen Kumuluswolken, die dramatischen Sonnenuntergänge an klaren Wintertagen, den gemächlichen Wechsel der Gezeiten und der Jahreszeiten. „Norddeutsche Medienlandschaft“ hat die Zeitschrift „Country“ das Niederelbegebiet wegen ihrer zahlreichen, mehr oder weniger prominenten Einwanderer einmal genannt.
Der Chef des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, Stefan Aust, betreibt zum Beispiel bei Lamstedt seine eigene Pferdezucht – und bereitet sich dabei schon mal gedanklich auf die nächste Redaktionskonferenz vor. Klaus Liedtke, Chefredakteur des deutschen „National Geographic“, rast an den Wochenenden auf seinem Aufsitzmäher über sein Apfelbaumgrundstück bei Großenwörden, und nebenan hat die langjährige „Brigitte“-Schreiberin Fee Zschocke eine prächtige Schleiereule unterm Dach. Auf meinem Giebel saß übrigens mal eine ganze Nacht lang ein Storch – ein paar Tage später wurde meine Tochter Eva geboren.