
Frankfurt: Mittelpunkt des Mittellandes. Natürlich nicht der geographische, der wäre eher an der Ohm als am Main – aber der wirtschaftliche gewiss, und nicht nur Hessens. Eine kleine Großstadt, kriegszerschunden und danach eilig geflickt. Fast wäre sie Bundeshauptstadt geworden, wovon immer noch die Säulenhalle des Hessischen Rundfunks zeugt, die wegen ihrer goldenen Pracht seit Anbeginn „Hundehimmel“ genannt wird.
An ihr kann man eins gut ablesen: Grandiosität, die große Geste, ist nicht Sache der Stadt. Vielleicht ist es auch nicht Sache des Landes, in dem sie liegt. Dieser Mangel gibt dem Leben einen Anschein von Unbedrohtheit. Wo man so unscheinbar daherkommt, wachsen auch keine grandiosen und damit gefährlichen Ideen, könnte man meinen. Das beweist die Frankfurter Schule, die alte um Adorno und die Neue, die der Satiriker, jede auf ihre Art. Die alte dachte revolutionär, aber zutiefst zivil, und die Neue hat jene Art Witz zur Vollkommenheit getrieben, ohne den die Welt nicht auszuhalten wäre. Bloß nichts Pathetisches. Pathos findet hier einen ganz schlechten Boden.
Für viele Menschen, die das Leben, die Eltern, der Job oder bloßer Zufall ins Land gespült haben, gilt das gleiche, und die Entwicklung der Gefühle ist erstaunlich ähnlich: Erst maulen sie. Haben keine Vorstellung vom Land, sind nicht besonders neugierig. Erwarten nicht viel – nicht die Südseligkeit Münchens, den Hanseatenstolz Hamburgs, die Front- und Hauptstadtzappeligkeit Berlins. Nach einiger Zeit, die Neubürger in hessischen Breiten verbracht haben, macht die Mauligkeit einer sachten Zuneigung Platz. Und die wächst und wächst, bis der „Eingeplackte“ hessischer wird als ein Hesse.
In den Siebzigern, im letzten Jahrhundert, als es besonders im fortschrittlichen Frankfurt zum guten Ton gehörte, die Stadt ganz furchtbar zu finden, zogen Heerscharen von Städtern aufs Land. Kein verlassener Bahnhof, keine alte Schule blieb vor Häkelgardinen und abgebeizten Küchenschränken verschont. Der Vogelsberg war eine bevorzugte Gegend, man findet heute noch Nachkommen von Studienräten und Redakteuren in den schmucken Örtchen. Da und dort sogar noch Häkelgardinen. Aber alles in allem ist die schöne, raue Gegend wieder zu sich zurückgekehrt, und Kenner genießen die Anmut der Stadt.