
Die fränkischen, schwäbischen und altbayerischen Landesteile, aus denen der Freistaat zusammengesetzt ist, bedingen eine Gemengelage, die von der seit „Menschengedenken“ allein regierenden Christlich-Sozialen Union (CSU) politisch artikuliert wird. Das ist aber nur der offensichtliche publikumswirksame Teil der erfolgreichen Strategie, mit der es der Partei regelmäßig gelingt, Wahl-Ergebnisse von über 50 Prozent zu erzielen. Der andere, weniger sichtbare, aber ebenso wichtige Teil der Strategie ist die konsequente Realisierung eines Bürokratentraums, der da heißt: Reform und Fortschritt durch Verwaltung. Der Umsetzung dieses Traums ist der stille, aber radikale Strukturwandel der vergangenen 40 Jahre zu verdanken: Aus dem einstigen agrarwirtschaftlichen Armenhaus wurde eine schmucke Konzernzentrale für Finanzdienstleister und Hightech-Industrien. Heute ist Bayerns Wirtschaft stärker als die Belgiens oder Schwedens, geht ein Viertel dessen, was im Freistaat produziert wird, in den Export. Bayern rangiert auf Platz 20 der weltweit größten Exportländer.
Bayern, so kann man angesichts dieser Entwicklung feststellen, hat seine Unterentwicklung als Chance begriffen und ist vom Agrarland unter Auslassung der traditionellen Schwerindustrie unmittelbar auf die Hochtechnologie gesprungen. In Martinsried bei München entstand, von der Regierung des Freistaats üppig gedüngt, eine in Deutschland einmalige Firmenplantage von in der Biotechnologie tätigen Unternehmen. Für das Image von Bayern stehen aber weniger die im Großraum München konzentrierten Hightech-Unternehmen der Computer-, Flugzeug- oder Raumfahrtindustrie, auch nicht Siemens, als vielmehr die Bayerischen Motorenwerke (BMW) oder Audi in Ingolstadt und, last but not least, die drei Münchner Großbrauereien, die das Biermonopol auf dem alljährlichen Münchner Oktoberfest haben, das als das bekannteste und größte Volksfest der Welt gilt. In diesem Zusammenhang zu nennen ist auch der FC Bayern München, der nicht nur in der Fußball-Bundesliga führend, sondern auch im europäischen Spitzenfußball regelmäßig ganz vorne vertreten ist.
Dennoch ist nicht aller wirtschaftlicher und kultureller Glanz in München konzentriert. Das Beispiel Kultur zeigt, dass auch die Regionen außerhalb Münchens viel zu bieten haben. Welches andere Bundesland hat schon etwas den Bamberger Symphonikern Vergleichbares an die Seite zu stellen oder gar den Bayreuther Richard-Wagner-Festspielen? Die Prominenz gibt sich alljährlich in der Sommerzeit ein Stelldichein auf dem „Grünen Hügel“. Seltener zwar, aber nicht minder bekannt und kaum weniger besucht sind die Oberammergauer Passionsspiele, während die Märchenschlösser Ludwigs II., Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof, das ganze Jahr über Besucher aus aller Welt ebenso anlocken wie die über das Land verteilten Barockkirchen, Schlösser und Klosteranlagen. Dieses reiche Erbe ist eine Verpflichtung, die gepflegt werden will, und wenn München mit der Pinakothek der Moderne ein drittes Kunstmuseum von Weltrang erhält, dann muss wenigstens auch in Aschaffenburg, in Nürnberg oder in Bernried eine staatliche Galerie oder Sammlung entstehen, mit der sich „Standortnachteile“ ausgleichen lassen.
Das ändert natürlich nichts daran, dass München das Zentralgestirn ist, das auf die bayrischen Landesteile positiv ausstrahlt. Hier machen nicht nur die Münchner Philharmoniker die Musik oder bedeuten nicht nur die Bretter der Bayrischen Staatsoper, des Residenztheaters oder der Kammerspiele die Welt. Aber ohne die Regionen, das muss man auch in München zugeben, wäre allein kein Staat und schon gar nicht ein „Freistaat“ zu machen.