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April

19.04.2007

Heidemarie Wieczorek-Zeul Bundesministerin für wirtschaftliche Zusam-menarbeit und Entwicklung „Erneuerbare Energie und Energieeffizienz. Innovative Politik- und Finanzierungsinstrumente für die südlichen und östlichen Nachbarn der EU“


Wieczorek-Zeul - REGIERUNGonline-Bienert

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Ministerinnen und Minister,
sehr geehrte Herr El-Ashry,
liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus unseren europäischen Nachbarstaaten sowie aus der EU.

Im Namen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft heiße ich Sie herzlich in Berlin willkommen. Gemeinsam wollen wir heute über innovative Politik- und Finanzinstrumente für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz diskutieren. Es freut mich, dass Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft teilnehmen. Ich hoffe, dass Sie diese Konferenz nutzen können, um wichtige Informationen über politische, ökonomische und regulatorische Rahmenbedingungen sowie über Finanzierungsmöglichkeiten im Bereich nachhaltiger Energie zu gewinnen.

Die jüngsten Prognosen zur Klimaerwärmung, schmelzende Polkappen und Gletscher, steigender Meeresspiegel, Wetterextreme, Nahrungsknappheiten und Massenmigration haben uns alle tief erschreckt. Spätestens seit dem aktuellen Weltklimabericht des IPCC wissen wir: Wir müssen weg von CO2-intensiver Stromerzeugung und hin zu klimaverträglichen Alternativen. Eile ist geboten! Deshalb ist Energie ein Topthema der deutschen EU- und G8-Doppelpräsidentschaft. Bis 2020 muss der Kohlendioxid-Ausstoß spürbar zurückgehen, um eine Erderwärmung um zwei Grad Celsius bis zum Jahr 2100 nicht zu überschreiten. Gelingt dies nicht, wird die Welt eine beispiellose Erwärmung erleben, deren Folgen unabschätzbar sind. Auch der Europäische Rat hat sich im März zum Ziel gesetzt, die zwei-Grad-Grenze nicht zu überschreiten. Die Herausforderungen sind enorm: Bis 2030 wird der globale Energiebedarf um 50 Prozent steigen! Bis 2050 werden Mittelmeerländer dreimal, einige Schwellenländer fünfmal soviel Strom verbrauchen. Sir Nicholas Stern urteilt zu Recht: Die Klimakrise ist das größte Marktversagen der Menschheitsgeschichte! Denn: Wenn wir es nur wollen, können wir den steigenden Energiebedarf klimafreundlich steuern: durch marktwirtschaftliche Instrumente und Investitionen in innovative Technik! Schon ein Prozent der Bruttoinlandsprodukte reicht aus, um sich von einer CO2-reichen Energiegewinnung abzuwenden und auf eine effizientere und umweltverträgliche Erzeugung umzustellen. Diese stellt gegenwärtig nur ein Siebtel des weltweiten Energieverbrauchs dar. Diesen Anteil müssen wir ausbauen! Wir brauchen eine Energiewende!

Die Klimakatastrophe ist keine ferne Zukunftsmusik. Die Armen trifft der Klimawandel schon heute und auch in Zukunft sind sie am härtesten betroffen. Die Dürren in Afrika, die Hurrikans in Mittelamerika, die Überschwemmungen in Südostasien nehmen zu. Die Mittel jedoch, sich diesen Phänomenen anzupassen, sind gering. Zugleich leiden jene, die den Folgen der falschen Energiepolitik der Vergangenheit schutzlos ausgesetzt sind, an Energiemangel: Zwei Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu moderner und sauberer Energie! Jährlich sterben anderthalb Millionen Menschen, weil sie gefährlichen Rauch bei offenem Feuer im Haus einatmen. Der Zusammenhang zwischen Energie und den Millennium Development Goals (MDGs) ist evident. Zum Beispiel bürdet fehlender Energiezugang Frauen in den Entwicklungsländern große Lasten auf (MDG 3) und eine Grundversorgung im Gesundheitssektor funktioniert nur, wenn nötigte Medikamente gekühlt werden können (MDG 4-6). Dies zeigt: Ohne Zugang zur Energie, keine Entwicklung! Deshalb betone ich das Recht auf Energie und Entwicklung, auch im Angesicht der Herausforderung des Klimawandels! Die Aufgabe lautet also: Den Energiebedarf für Entwicklung zu stillen und zugleich dem Klimaschutz Rechnung zu tragen. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass der Treibstoff für den Fortschrittsmotor „sauber“ ist: Ein „weiter so“ mit fossiler Energie führt uns tiefer in die Klimakrise. Ich sage auch ganz deutlich: Atomenergie ist ebenfalls keine Alternative. Der richtige Weg ist, den Süden und Osten beim Ausbau erneuerbarer Energien und Energieeffizienz zu unterstützen. Ein Beispiel dafür ist das Afrika-Europa Energieforum, das wir mit der EU-Kommission im März durchgeführt haben. Wir wollen mit Afrika eine Energiepartnerschaft für nachhaltiges Energiemanagement aufbauen.

Die Staaten und Regionen, die wir heute repräsentieren, stehen vor sehr unterschiedlichen Problemen und Herausforderungen: Erstens: Die Industriestaaten sind Hauptverursacher des Klimawandels. Sie müssen ihre Treibhausgasemissionen dringend weiter vermindern! Ich freue mich sehr, dass sich die EU unter unserer Präsidentschaft auf eine CO2-Reduzierung um zwanzig Prozent bis 2020 verständigt hat und bereit ist, diesen Anteil zu steigern, wenn besonders die USA und große Schwellenländer wie Indien und China mitziehen! Zweitens: Entwicklungsländer, insbesondere die pazifischen Inselstaaten und die least developed countries Afrikas verlangen zu Recht eine Unterstützung der Industriestaaten bei der Anpassung an den Klimawandel und kämpfen zugleich im um Energiezugang. Beiden Anliegen müssen wir gerecht werden! Drittens: Unsere EU-Nachbarstaaten sehe ich in der Mitte dieses Spektrums: Es sind Länder im industriellen Aufbruch. Sie erwarten zu Recht einen Investitions- und Technologietransfer. Doch dies muss im Kontext einer klimafreundlichen Industrialisierung geschehen! Ohne Sie und andere Schwellenländer werden wir an der Herausforderung des Klimawandels scheitern! Wir alle teilen die Verantwortung, in nachhaltiges Energiemanagement zu investieren! „Die heutige Generation trägt“, wie es der Klimaforscher H.J. Schellnhuber ausdrückt, „eine Verantwortung für Jahrhunderte in die Zukunft“.

Deutschland ist Vorreiter in der technologischen Entwicklung der Erneuerbaren Energien. Es zeigt sich: Klimaschutz ist ein Wirtschaftserfolg, er gibt Impulse für Wachstum und Beschäftigung. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich bereits in der Vergangenheit mit seinem Energieengagement international profiliert, z. B. mit der „Renewables 2004“-Konferenz, die als „Startpunkt für eine globale Energiewende“ gilt. Deutschland ist einer der größten bilateralen Geber für Energievorhaben und unterstützt, auch im Rahmen der flexiblen Kiotomechanismen, Energieprojekte in 45 Ländern in Höhe von 1,6 Milliarden €, davon über 900 Millionen für Erneuerbare Energie und über 700 Millionen zur Steigerung der Energieeffizienz. Im Rahmen der EU tragen wir über das neue Nachbarschaftsinstrument zur Förderung von Energieerzeugung und verteilung, erneuerbarer Energiequellen und Energieeffizienz bei. Mit der Sonderfazilität für Investitionen in Erneuerbare Energien und Energieeffizienz stellen wir jährlich zusätzlich über 300 Millionen Euro für zinsgünstige Kredite bereit. Zum Beispiel unterstützen wir in Ägypten die Entstehung des Windkraftparks „Zarafana“. Nach Fertigstellung der aus Deutschland geförderten Windkraftanlagen sollen insgesamt 600 Gigawattstunden elektrische Energie in das nationale Netz eingespeist und damit mehr als 360.000 Tonnen Kohlendioxid-Ausstoß vermieden werden. Unser Engagement zeigt: Investitionen in nachhaltige Energie sind immer auch Investitionen in die menschliche Entwicklung.

Wir werden hohe Kosten für die Klimaanpassung in Entwicklungsländern und bald auch bei uns zahlen müssen. Hätten wir frühzeitig auf CO2-Vermeidung gesetzt, vieles wäre der Menschheit erspart geblieben. Wir müssen erkennen: Vermeidung ist humaner und günstiger als Anpassung. Es ist viel besser, wir unterstützen unsere Partner jetzt beim Aufbau klimafreundlicher, nachhaltiger Strukturen, als in Zukunft ein Vielfaches für die Folgeschäden zu investieren, weil wir alte Kraftwerke nicht modernisiert oder vom Netz genommen haben. Prävention hat Vorrang! Hier setzt unsere Konferenz an: Es geht darum, die Weichen für eine grundlegende Bewusstseinsänderung zu stellen. „Mitigation“, also die Minderung der umweltschädlichen Industrie, muss ein Schlüsselbegriff in der Energiedebatte werden! Die Kosten für Anpassung und Prävention sind enorm: Wenn wir den Anforderungen von Entwicklung und Klimawandel Stand halten wollen, dürfen wir keine Angst vor neuen Ideen und Ansätzen haben. Das gilt zum Beispiel auch für Innovative Finanzierungsinstrumente (z.B. Entwicklungsabgabe auf Flugtickets).

In diesem Sinne wünsche ich uns allen heute gutes Gelingen! Lassen Sie uns die Energiepartnerschaft zwischen der EU und unseren Nachbarn intensivieren und institutionalisieren! Portugal und Slowenien, mit denen Deutschland die „Triopräsidentschaft“ begründet hat, werden das Thema Energie weiterhin auf ihre Agenden setzen! Lassen Sie uns nicht nur die Liegestühle auf der Titanic arrangieren, lassen Sie uns den Kurs wechseln! (H.J. Schellnhuber) Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.



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Datum: 21.04.2007