
Die Bayern schert das alles umso weniger, als sie längst wissen, dass sie nicht mehr als die Hinterwäldler der Nation gelten. Dem entspricht, dass viele Deutsche gerne in Bayern, am liebsten in München leben würden. Wie häufig im Leben, so verbergen sich auch in diesen Wünschen einige hartnäckige Missverständnisse. Beispielsweise dürften die meisten, die von solchem Sehnen geplagt werden, Bayern mit Alt-Bayern verwechseln, grob gesprochen mit jenem Raum, der sich zwischen der Donau und den Alpen erstreckt. Bayern reicht aber bis zum Main, dem „Weißwurstäquator“, und umfasst damit Landschaften, die keineswegs der Jodelidyllik des Voralpenlands ähneln, sondern ihren eigenen Reiz haben.
Entsprechendes gilt aber auch für München, denn nicht nur nach den „gefühlten“ Lebenshaltungskosten nimmt die Stadt den Spitzenplatz unter allen deutschen Kommunen ein. Das alles fällt aber nicht ins Gewicht, denn Bayern und insbesondere München strahlen ein Selbstbewusstsein aus, das sich hierzulande allenfalls noch mit dem der Stadtstaaten Hamburg und Bremen vergleichen lässt. Seinen Grund hat dies darin, dass Bayern als einziger unter den deutschen Flächenstaaten seine territoriale Gestalt seit der großen napoleonischen „Flurbereinigung“ von 1806 nicht mehr verändert hat. Dieses Herkommen ist die Ursache für eine weitere, Bayern kennzeichnende Paradoxie: Damals wurden höchst unterschiedliche Landschaften unter dem Dach eines Staatsbewusstseins vereinigt, dessen Protagonist, die bayerische Verwaltung, klug genug war, deren je besondere kulturelle Prägungen und Traditionen zu respektieren.
Das erhellt, warum Brauchtum in Bayern noch heute mehr und anderes ist als bloße Folklore. Das hat Folgen, die anderswo womöglich belächelt werden, denen sich aber, wer in Bayern politisch erfolgreich sein will, beugen muss. Deshalb hat Edmund Stoiber, der hiesige Ministerpräsident, neben Smoking und Cut auch die Uniform der Gebirgsschützen im Schrank hängen.