
Als mein Vater 1954 als Pfarrer aus der Melanchthon-Stadt Bretten/ Baden in die Kohle- und Stahl-Stadt Neunkirchen im „Saargebiet“ versetzt wurde, hatten wir plötzlich französische Pässe und französisches Geld. Die Autokennzeichen waren schwarz mit weißer Beschriftung. In den Straßen patrouillierten französische Soldaten. Die Polizisten trugen französische Uniformen. In der Schule war Französisch die erste Fremdsprache. Und die Lehrer gaben in dem Fach für gute Leistungen schlechte Noten und umgekehrt. Denn die Sprache der „Besatzer“ wurde abgelehnt.
Acht Mal wechselte das Saarland allein in den vergangenen 200 Jahren seine Nationalität. Im 20. Jahrhundert wurde es jeweils nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg französisch, kehrte jedoch beide Male nach einer Volksabstimmung wieder nach Deutschland zurück. Allerdings muss hinzugefügt werden, dass zwar häufig noch von den „Besatzern“ gesprochen wird, diese Bezeichnung aber eigentlich nicht zutrifft. Denn nach dem Ersten Weltkrieg war das Saargebiet dem Völkerbund unterstellt. Und ab 1947 war das Saarland zwar wirtschaftlich an Frankreich angebunden, aber politisch autonom.
Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – bin ich im Saarland heimisch geworden. Nirgendwo in Deutschland ist man heute dem Traum vom „Leben wie Gott in Frankreich“ näher als am St. Johanner Markt in Saarbrücken. Dort reihen sich Straßencafés an Straßencafés, und Bistros wechseln sich mit Restaurants ab. Mit den ersten Sonnenstrahlen stellen die Wirte die Stühle heraus und servieren mit langen Schürzen Café au lait und Croissants. „Tatort“-Kommissar Max Palü alias Jochen Senf radelt über den Wochenmarkt, und auch Ministerpräsident Peter Müller schlendert schon mal durch die umliegenden Gassen.