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Rheinland-Pfalz – ein Kunstprodukt

 

RP__Pfalz

Aber jetzt kehr’ ich zurück an den Rhein, in die glückliche Heimat... Und das heilige Grün, der Zeuge des ewigen, schönen Lebens der Welt, es erfrischt, wandelt zum Jüngling mich um.“ Wer da zum Jüngling wurde, war Friedrich Hölderlin im Jahre 1797. Und der Ort, an den er zurückkehrte, liegt im heutigen Rheinland-Pfalz. Der Rhein ist die östliche Grenze des Bundeslandes. Hier beginnt – oder endet – das Land, in dessen Nordpfälzer Bergland ich geboren wurde, in dessen Landeshauptstadt ich lebe. Rheinland-Pfalz, ein Kunstprodukt, nicht älter als meine Generation, entstand auf Verordnung der französischen Militärregierung am 30. August 1946 aus Teilen von Kurpfalz und Rheinhessen, preußischer Rheinprovinz und Hessen-Nassau.

Was nie zusammenhing, wurde damals zusammengewürfelt, ist neue Heimat geworden. Schon die Namen Eifel und Hunsrück, Westerwald und Pfälzerwald assoziieren Eigenschaften, die nicht mit Begriffen wie mondän oder weltläufig in Verbindung gebracht werden. Hier lebt meine Familie, wie alte Urkunden belegen, seit 1324. Der Filmemacher Edgar Reitz aus Morbach im Hunsrück hat dieses Land weltbekannt gemacht. In seiner „Heimat“-Trilogie erzählt er in über 50 Film-Stunden vom Hunsrück als einem Teil der Welt, ja als einem Paradigma für Welt überhaupt. So wurden diese Filme auch verstanden und in vielleicht fünfzig Ländern weltweit ausgestrahlt. Edgar Reitz gilt als der Epiker Deutschlands des 20. Jahrhunderts und der Jahrtausendwende schlechthin, so ein bekannter Filmkritiker. In seinen Filmen finde ich mich wieder, finden wir Rheinland-Pfälzer uns wieder und sehen uns als Teil der Welt. Auch ein echter Ministerpräsident spielt in „Heimat 3“ mit. Es ist Kurt Beck, der einen Ministerpräsidenten spielt, der zur Einweihung eines Museums in den Hunsrück kommt.

Aber Kurt Beck hat diese Gegend mit seinem Filmauftritt nicht nur repräsentiert. Er hat sie auch verändert. Der Abzug der französischen und amerikanischen Truppen aus vielen Teilen des Landes nach der Wiedervereinigung Deutschlands hatte zu einem wirtschaftlichen Vakuum in dieser industriearmen Gegend geführt. Hier hat die Konversionspolitik der Landesregierung gegriffen und unter anderem dem von den Alliierten verlassenen Flughafen Hahn zu neuer Blüte verholfen. In der Einsamkeit des Hunsrück starten jetzt die Charterflugzeuge der Billiganbieter mit Touristen in alle (europäische) Welt. Seitdem haben sämtliche Landfrauenvereine des Hunsrück, die bisher nur mit dem Bus nach Luxemburg oder nach Trier kamen, für wenige Euro ihren Latte macchiato bereits in Stockholm, Riga, London, Venedig und Gerona getrunken – frühmorgens hin, abends zurück in die Heimat.

 



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Datum: 28.12.2006